Der abschließende Finaltag beim FIG Acrobatic Gymnastics World Cup in Burgas hätte aus deutscher Sicht kaum spannender verlaufen können. Zwischen Hoffen, Bangen und Jubeln lagen oftmals nur wenige Sekunden. Erneut zeigte sich eindrucksvoll, wie eng Erfolg und Enttäuschung auf höchstem internationalen Niveau beieinanderliegen. Während einige favorisierte Nationen ihre Medaillenträume durch Stürze früh begraben mussten, präsentierten sich die deutschen Formationen einmal mehr als ernstzunehmende Herausforderer der Weltspitze.
Hermes und Boerner bestätigen ihren internationalen Aufwärtstrend
Den Auftakt aus deutscher Sicht machten die Damenpaare. Sophia Hermes und Lena Boerner aus Nordhorn gingen nach einer starken Qualifikation mit berechtigten Hoffnungen in das Finale der besten Formationen der Welt. Auch dort bewahrten die beiden Athletinnen von Trainerin Rebecca Haase die Ruhe und zeigten erneut eine überzeugende Leistung. In einem hochklassigen Finale belegten die beiden Deutschen einen hervorragenden fünften Platz hinter Israel, Großbritannien sowie den beiden russischen Formationen. Die Spitzenformationen aus Belarus und Großbritannien 2 mussten dabei schmerzhaft erfahren, wie schmal der Grat zwischen Erfolg und Misserfolg ist. Beide mussten nach Stürzen frühzeitig ihre Hoffnungen auf Edelmetall begraben. Einmal mehr zeigte sich wie bereits in der Qualifikation, dass auf diesem Niveau oft nur ein einziger Moment entscheidet.
Platz sechs für Frankfurter Damengruppe
Bei den Damengruppen mussten Fiona Reul, Kira Hellwig und Alisee Strohhecker als erste Formation des Finalfeldes auf die Wettkampffläche. Die Frankfurterinnen präsentierten sich engagiert und kämpferisch, konnten jedoch nicht ganz an ihre stärksten Auftritte anknüpfen. Zwar gelang es dem Trio, die Übung insgesamt sicher durchzubringen, dennoch schlichen sich einige kleinere Unsauberkeiten ein. Gegen die starke internationale Konkurrenz war damit an diesem Tag so nicht mehr als Rang sechs möglich. Der Sieg ging an Belarus vor Russland 1 und Großbritannien 1.
Auch wenn das Ergebnis auf den ersten Blick nicht den erhofften Sprung nach vorne brachte, bleibt festzuhalten: Die erneute Finalteilnahme auf World-Cup-Niveau bestätigt die internationale Konkurrenzfähigkeit der Frankfurter Formation und liefert wertvolle Erfahrungen auf dem Weg Richtung Weltmeisterschaften.
Strempel und Woitass sorgen für Gänsehaut-Moment
Den stärksten Eindruck im deutschen Team hinterließen über die gesamte Dauer des World Cups die beiden Riesaer Lyven Strempel und Hannes Woitass. Bereits in der Qualifikation hatten die Schützlinge von Trainerin Nina Blintsov gezeigt, dass sie bereit sind, die etablierten Nationen herauszufordern.
Im Finale legten die beiden noch einmal nach.
Mit einer starken Wertung von 27,070 Punkten präsentierten sie ihre bislang vielleicht beste internationale Übung und erhöhten den Druck auf die nachfolgenden Paare erheblich. Minutenlang schien sogar eine Medaille in greifbarer Nähe. Gefühlt hatte das deutsche Herrenpaar bereits eine Hand am „Pott“.
Doch am Ende fehlten lediglich 0,130 Punkte zur Bronzemedaille.
Während die USA ihrer Favoritenrolle gerecht wurden und Gold gewannen, sicherte sich Russland 2 die Silbermedaille. Bronze ging mit 27,200 Punkten an Russland 3 – denkbar knapp vor dem deutschen Duo.
Die Enttäuschung über die verpasste Medaille wich jedoch schnell dem Stolz auf die gezeigte Leistung. Wer die Entwicklung der beiden Athleten in den vergangenen Jahren verfolgt hat, erkennt die enorme Steigerung. Nicht nur technisch präsentieren sich Strempel und Woitass von Wettkampf zu Wettkampf stärker. Auch in der Artistik gehören sie mittlerweile zur erweiterten Weltspitze.
Die Medaille blieb diesmal noch aus. Doch vieles spricht dafür, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis die beiden erstmals auf einem internationalen Podium stehen. Wenn nicht an diesem Wochenende, dann bei einem der nächsten großen Wettkämpfe. Und dies gilt nicht nur für Strempel/Woitass, sondern auch auf alle Deutschen Formationen aus der Nationalmannschaft.
Bundestrainer blickt optimistisch Richtung Weltmeisterschaft
Beim abschließenden Teammeeting im Mannschaftshotel zog Bundestrainer Igor Blintsov ein äußerst positives Fazit.
„Natürlich hätten wir eine Medaille mit Kusshand genommen. So knapp daran vorbeizugehen tut im ersten Moment weh. Aber wir dürfen nicht vergessen, wo wir herkommen und welche Entwicklung unsere Athletinnen und Athleten genommen haben. Unser großes Ziel bleibt die Weltmeisterschaft in Pesaro im September 2026. Burgas hat gezeigt, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Die Zeit für eine Medaille wird kommen – vielleicht nicht heute, vielleicht nicht morgen, aber wenn wir weiter so arbeiten, dann wird sie kommen.“
Tatsächlich unterstrich der World Cup eindrucksvoll, dass Deutschland den Abstand zur internationalen Spitze weiter verkleinert hat. Besonders positiv wurde von zahlreichen Nationen aufgenommen, dass die deutschen Formationen ihre Übungen erneut im Schwierigkeitswert steigern konnten und damit zusätzlichen Druck auf die traditionellen Topnationen ausüben.
Auch hinter den Kulissen ein deutscher Beitrag
Erneut war auch die internationale Kampfrichterin Sabine Zado für den Deutschen Sportakrobatik Bund im Einsatz. Am Finaltag wurde sie in sämtlichen Disziplinen eingesetzt und bestätigte damit einmal mehr ihren hohen Stellenwert innerhalb der internationalen Kampfrichtergemeinschaft.
Hinter den Kulissen verlief der Finaltag dabei keineswegs geräuschlos. Nach mehreren ausgesprochenen Verwarnungen am ersten Wettkampftag erhielten insgesamt drei Kampfrichter die Rote Karte und mussten die Entscheidungen am Finaltag von der Tribüne aus verfolgen. Umso bemerkenswerter war die konstant souveräne Leistung von Sabine Zado, die ihren zweiten kompletten Wettkampftag auf höchstem internationalen Niveau absolvierte.
Kaum Zeit zum Durchatmen
Viel Zeit zum Verarbeiten der Erlebnisse bleibt den deutschen Formationen allerdings nicht. Bereits in vier Tagen wartet mit den Deutschen Meisterschaften in Göppingen die nächste wichtige Aufgabe.
Nun heißt es regenerieren, Kräfte bündeln und die in Burgas gezeigten Leistungen auch vor heimischem Publikum zu bestätigen. Das Ziel ist klar: Die positive Entwicklung fortsetzen und die nationale Formkurve weiter in Richtung Weltmeisterschaften 2026 ansteigen lassen.
Der World Cup von Burgas hat eines eindrucksvoll gezeigt: Deutschland ist auf dem Weg. Noch fehlt vielleicht das letzte Quäntchen zum internationalen Edelmetall. Doch die Richtung stimmt. Und manchmal sind 0,130 Punkte weniger ein Rückschlag als vielmehr ein Versprechen für die Zukunft.



